Die Deutsche Uni - in wenigen Tagen vom Flop zum Top

Der Leser deutscher Magazine war in den letzten Tagen vor einige Schwierigkeiten gestellt wenn er versuchen wollte den schnellen Wandel der deutschen Universität vom Flop zum Top nachzuvollziehen. So war gerade erst ein grösserer Artikel in der Wirtschaftswoche (I 15.10.2007 I Nr. 42) erschienen auf den mich dankenswerterweise mein Kollege Oliver Kretzschmar aufmerksam gemacht hat. Augen zu und durch: Nach der Reform ist vor der Reform: In einem beispiellosen Kraftakt erfinden sich die deutschen Hochschulen neu. Das wird auch höchste Zeit. Kaum war der Artikel gedruckt passierte es: zwei Deutsche bekamen Nobelpreise - sogar verschiedene. Sofort musst medial von Trübsinn auf Jubel umgeschaltet werden und so frohlockte der Spiegel mit dem Titel: Deutsche Forschung wieder Spitze und auch die Wirtschaftswoche wollte da nicht nachstehen und druckte "50 Innovationen auf die Deutschland stolz sein kann". Bei so viel medialer Leistungsfähigkeit lohnt es sich doch einmal einen Blick auf den ersten - trübsinnigen - Artikel zu werfen und ihn ein wenig zu hinterfragen.

"Denn im internationalen Vergleich verlieren sie (die deutschen Unis) seit Jahren an Boden. Das Urteil der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eindeutig" --> wieso werden die von den deutschen Unis produzierten Flaschen dann angeblich massenweise vom Ausland (USA etc.) abgeworben? Oder ist es so dass Spitzenkräfte einfach nicht BEZAHLT werden können von deutschen Unis?

Abbrecher: Addiert man private Investitionen und entgangene Einkommen der Studienabbrecher hinzu, entsteht ein gesamtwirtschaftlicher Schaden von 7,6 Milliarden Euro. --> ob der Tag kommen wird an dem wir wichtige Dinge des Lebens auch wieder NICHT-WIRTSCHAFTLICH betrachten dürfen? Haben die Studienabbrecher nichts in der Zeit gelernt? Wie kommt man zudem auf solche Zahlen?

"Beste deutsche Uni dort ist die LMU München auf Rang 53, Nummer zwei die TU München auf Rang 56. In die Top-20-Liste schaffen es 17 amerikanische Hochschulen, aus Europa sind nur die britischen Edel-Unis Cambridge und Oxford ganz vorn dabei." --> tja, was soll ich als Absolvent der LMU da sagen? Anmeldungen/Rückmeldungen fingen im Keller an und man musste Schlange stehen bis in den 4. oder 5. Stock (4-5 Stunden). Wir saßen zu 200 im Hauptseminar, Professoren lernte man wenn überhaupt nur sehr spät im Studium kennen. Es fehlte an ALLEM! Erster Tag im Hörsaal: Professor: Sie sind jetzt 600 Studenten, zur Zwischenprüfung werden es gut unter 100 sein... (Sind das 30 Prozent Abbrecher wie im Artikel behauptet????) Nachmittag erste Mathe übung: 2 Assistenten teilen neue Aufgaben aus. Wir wollten noch Erklärungen zur Vorlesung vom Vormittag. Die Assis sagten sie dürften nichts erklären, nur neue Aufgaben austeilen - Anweisung des Profs....

"Eine ganze Generation von Politikern, Professoren und Bildungsbürokraten gewöhnte sich an Mangelverwaltung und überfüllte Hörsäle." --> Witzig, ich dachte das politische und bürokratische Gesindel hätte den Mangel GEMACHT!!! Gewöhnen durfte ICH mich dran.

"Nicht das Preisgeld sei entscheidend, sondern ?die Wettbewerbskultur?, sagt NRW-Minister Pinkwart." --> hatte in den Semesterferien ein Gespräch mit dem Studiengangsdekan der Informatik in Basel. Der sagte wortlich: Dort (USA) wird Ihnen niemand auch nur ein Wort davon erzählen was er gerade macht. Das vom letzten Jahr, das ist kein Problem. Aber nie was aktuelles..." So viel zu "Wettbewerbskultur".. Aber dem Wettbewerb wird ohnehin viel zugetraut. Er soll die überfüllten Hörsääle beseitigen etc. Aber WIE er das machen soll und WANN wird leider nicht gesagt.

"Andreas Pinkwart Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen: Der Staat muss den Hochschulen die Freiheit geben, die Dinge eigenverantwortlich zu regeln. Nur so haben sie im Wettbewerb die Chance, Top-Leistungen zu bringen." --> Wow, Demokratie an der Uni, Selbstverwaltung etc. Der Mann war wohl mal APO Mitglied?? Wenn Selbstverwaltung, wieso dann fremdgesteuerte Hochschulräte die die Selbstverwaltung aushebeln (ausser natürlich die kleine aufmüpfige Hochschule in Schwäbisch-Gallien namens Heilbronn). Es gibt einen gigantischen Mangel an Demokratie an den Hochschulen und das betrifft die Opfer (sprich Studenten). Das Einsetzen von "Räten" (Rundfunkräte etc.) stellt nur die entgültige übernahme stattlicher oder gesellschaftlicher Organisationen durch Politik und Lobbyismus dar.

"Leistet eine Hochschule überdurchschnittliches, holt sie etwa besonders viele Drittmittel oder produziert besonders wenig Abbrecher, gibt es zusätzliches Geld. Das gesamte Management einer Hochschule wird durch dieses Anreizsystem zu unternehmerischerem Denken angehalten." --> Dann lass man alle durchkommen, gibt besonders viel Geld. Es gibt hierzu auch in den USA bedenkliche Erkenntnisse über die "ELITE" der Privatunis - wenn Papas Scheckbuch lockt ist der Abschluss auch kein Problem. Unternehmerisches Denken: Die Uni als Firma - die Gebärmutter als Produktionsstätte, hatte der Bischof Mixa doch recht???

"Früher waren Universitäten kaum mehr als ein rechtliches Gefäß, seelenlos, eine zufällige Ansammlung von Lehrstühlen. Heute mühen sie sich um ein Profil, einen inhaltlichen Schwerpunkt, einen Markenkern." --> ich freue mich schon mich von der "echten 8cm Gurke" eines Prorektors beseelen lassen zu dürfen (OK, das war gemein, aber ich hab das Plakat immer vom Aufzug aus im Blick...)

"Der neue ?akademische Kapitalismus?, behauptet der Bamberger Soziologe Richard Münch, gefährde die Vielfalt des Wissens. Tatsächlich: Schon jetzt bildet sich mehr und mehr eine wissenschaftliche Business Class heraus, die drittmittelstarken technischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge hängen die Geistes- und Sozialwissenschaften ab. Nischenstudiengänge werden es künftig schwerer haben." --> immer diese soziologischen Bedenkenträger. Ich meine, braucht jemand wirklich alte Geschichte? Das lässt sich ja noch nicht mal ökonomisch quantifizieren... Unter von wegen Nischenprodukte: das die es schwerhaben gilt auch für natürliches Gemüse wenn es von den genetisch-engineerten Produkten von Monsanto platt gemacht wird...

"Dafür wird schiere Größe immer wichtiger. Gesucht wird die kritische Masse, die Ballung von Exzellenz und Effizienz, um im Kampf um Drittmittel und Reputation zu bestehen." --> nach vielen Jahren Tätigkeit im Grosskonzern kann man nur beipflichten: je grosser desto effizienter, visionärer, fortschrittlicher, genialer ????? .... Da haben wir die den Physikern fehlende Weltformel: Die Grösse machts! (Haben die Spammer doch recht!). Und mit den Gesetzen des Kapitalismus hat das natürlich gar nichts zu tun.

"In die Vorlesungen und Seminare von Kiel bis Freiburg zieht ebenfalls ein neuer Geist ein." --> wie heute erfahren von einer Studentin aus Freiburg: zahl das erste Mal Studiengebühren und schon kannst du 12 Stunden einklagen! Wenn das keine Optimierung ist...

Andreas Eimer, Leiter des Career-Service der Uni Münster, ist überrascht, wie schnell die Veränderung über die Bühne geht (Richtung Verschulung): Wenn ich denen von Magister- oder Diplomstudiengängen berichte, gucken die mich an, als würde Opa vom Krieg erzählen. --> geht mir genauso wenn ich den Studenten in Internet Security von Bürgerrechten, Privatheit und Volkszählungen im letzten Jahrtausend erzähle...

Ich muss jetzt leider Schluss machen - noch ne DA zu korrigieren und den Security Day weiter vorbereiten. So bin ich leider in dem Artikel über die vierte Seite nicht hinausgekommen. Aber ich wollte deutlich machen dass ich vieles von dem in der allg. Bildungsdiskussion gesagten für Ideologie halte: G8, kurzer Bachelor etc. hat mit Rentensystem, Lehrermangel und dem Rückzug des Staates aus dem gesellschaftlichen Bereich zu tun und nicht mit Qualität der Bildung. Politikern und Ministerialen von Qualität in der Ausbildung zu erzählen ist wie Blinden von Farben zu berichten. Das Diplom habe ich persönlich für einen Standort-VORTEIL gehalten.

Natürlich gibt es einen Reformstau an den Unis. Geldmangel und Mangel an Demokratie haben ihn verursacht. Wieso kann das Land BW in die Rüstungsindustrie investieren (EADS) aber die Bildungsausgaben immer weiter zurückfahren?. Meine kleine Tochter macht gerade das Abitur. Seit EINEM Jahr sind sie nicht mehr über dreissig Kinder in einer Klasse. Fast ALLE Klassen an diesem Gymnasium haben über dreissig Kinder. über die Schwächen in Physik, Mathe etc. brauchen wir gar nicht mehr reden wenn man den massiven Ausfall von Stunden erlebt hat. Ein Physikunterricht der HALBJäHRIG als Blockunterricht nachmittags geplant ist und von dem die ersten FüNF Sitzungen ausfallen - was bleibt da übrig?

Man könnte jetzt noch ein paar Bemerkungen zum kritischen Potential unserer Medien angfügen, aber das hebe ich mir auf bis nach dem Besuch von Christian Pfeifer bei uns. Er hat herrliche Aussagen über den Zusammenhang von Weltwahrnehmung und Fernsehkonsum - je privater desto gefährlicher/krimineller - und ich frage mich was wohl Wirtschftswoche/Spiegel und Co. im Hirn des Lesers anrichten?